OsterKlang ´15

Von 28. März bis 5. April 2015
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Barock für alle Sinne: Oh Musica und schöne Kunst!

Martin van Meytens d. J., Die Familie des Grafen Nikolaus Pálffy von Erdöd, um 1760

Kombiticket für die Händel-Oper "Rinaldo" in der Kammeroper und für die "Martin van Meytens"-Ausstellung im Winterpalais des Prinzen Eugen.
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Charodeyka (Die Zauberin)

Handlung/Fotos/Video - NEU: Behind the Scenes

Premiere
Sonntag, 14. September 2014
19:00 bis ca. 22:10 Uhr
(Pause ca. 20:30 Uhr)

Datum auswählen:

Mo Di Mi Do Fr Sa So
September 2014
14
16 19 21
23 26

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Inhalt und: Erste Einblicke hinter die Kulissen!

1885 wurde Peter I. Tschaikowski von seinem Bruder Modest auf das neue Drama des damals erfolgreichen Autors Schpaschinski aufmerksam gemacht; eine Liebesszene sei darin, die sich zur Vertonung gut eigne. Tschaikowsk interessierte sich dann aber mehr für die beiden weiblichen Hauptfiguren als für die Liebesszene. Er bat den Autor das Stück zu einem Libretto umzugestalten. Schpaschinskis Text geriet aber zu lang, so dass sich das Ringen u eine aufführbare Fassung zwei Jahre hinzog. Am 1. November 1887 kam Charodeyka im kaiserlichen Mariinski-Theate in St. Petersburg zur Uraufführung.

Nastasja, genannt Kuma, führt ein Gasthaus am Fluss. In der toleranten Atmosphäre, die sie dort geschaffen hat, finden auch politisch und gesellschaftlich Geächtete Zuflucht. Kuma wird viel umworben, schenkt aber keinem ihre Gunst. Als Prinz Juri einmal vorbeizieht, verliebt sie sich in ihn, wagt aber nicht, sich ihm zu nähern. Dem regierenden Fürsten Kurtjatew, dem Vater des Prinzen, ist das Lokal als Treffpunkt kritischer Geister ein Dorn im Auge. Er will es schließen lassen, aber Kumas Charme bestrickt auch ihn, und anstatt das Lokal zu schließen, verbringt er plötzlich selbst viel Zeit dort. Der Intrigant Mamyrow erzählt davon der Fürstin und weckt ihre Eifersucht. Als Juri vom Verhalten seines Vaters hört, will er die Frau, die seinen Vater so verhext hat, dass er Gemahlin und Regierung vernachlässigt, umbringen. Der Fürst erklärt indessen Kuma seine Liebe, sie weist ihn jedoch ab. Als Juri zu ihr kommt, um sie zu töten, kann sie ihn von ihrer Unschuld überzeugen, und auch er verliebt sich in sie. Kurz bevor die beiden zusammen fliehen wollen, vergiftet die Fürstin Kuma, sie stirbt in Juris Armen. Den Leichnam wirft die Fürstin in den Fluss. Auf der Suche nach Kuma tötet der Fürst aus Eifersucht seinen Sohn und verfällt dem Wahnsinn.

ETWAS NEUES

Musiktheater des 21. Jahrhunderts braucht Innovationen, neue Sichtweisen – es ist eine lebendige Form, ein Spiegel unserer Welt, die sich beständig wandelt und unaufhaltsam verändert.
Innovation bedeutet zugleich aber auch immer neue Herausforderungen, vor die sich das Publikum, aber auch das Theater an der Wien selbst immer wieder gestellt sieht, und für die vor allen anderen zunächst das Team des technischen Planungsbüros nach je individuell zugeschnittenen, ja außer-gewöhnlichen Lösungen sucht.

„Bei uns gibt es keine Probleme, sondern Aufgaben. Erst wenn wir für diese wirklich keine Lösung finden, dann haben wir ein Problem.“ Gerald Stotz, Leiter des technischen Planungsbüros

Das Team des Planungsbüros, das sich in diesem Haus aus technischen Zeichnern, Architekten, Bühnenbildnern und Veranstaltungstechnikern gleichermaßen zusammensetzt und beauftragt ist, die Visionen des Regisseurs und Bühnenbildners der jeweiligen Produktion – bei Charodeyka also Christof Loy und Christian Schmidt – in statisch, fertigungs-, kosten- und vor allem bühnentechnisch „tragfähige“ Entwürfe umzusetzen, die von den entsprechenden Werkstätten anschließend ausgearbeitet werden können, schafft dabei etwas, das Gerald Stotz, der Leiter des Planungsbüros, äußerst feinsinnig als „temporäre Architektur“ beschreibt: Denn was hier gelingt, ist in der Tat die Materialisierung eines Gedankens, einer neuen Perspektive auf die Welt – eine Materialisierung, die jedoch durchaus keinen Ewigkeitswert beansprucht, sondern im nächsten Augenblick einer neuen Perspektive, einem neuen Gedanken weicht.

VIEL HOLZ

Bei Charodeyka war die Aufgabe, die Slav Gospodinov,* der für diese Produktion zuständige Mitarbeiter des Planungsbüros zu bewältigen hatte, nun im wahrsten Sinne des Wortes eine große Herausforderung: So galt es, innerhalb kürzester Zeit über 1.000 m2 mit Kiefernholz furnierte Sperrholzplatten zu beschaffen, die zudem eine besonders deutliche Maserung aufweisen sollten. Dass die von Christian Schmidt präferierte Maserung zufällig jenes Holz aufwies, das aus Bäumen in der Ukraine hergestellt wird, ist vor dem Hintergrund der politischen Dimension der Oper Charodeyka ein ebenso tiefgründiges wie düsteres Detail…
Doch wozu braucht es so viel Holz in einer Oper, die als ersten Schauplatz ein weites Tal entwirft, durchzogen vom Fluss Oka, der in die Ferne führt und schließlich in die Wolga, die Lebensader Russlands mündet? Ein weites Tal, in dem das Gasthaus der jungen Kuma liegt, die eben jene Weite und Offenheit eines Lebens jenseits der engen Mauern der von repressiven Machthabern kontrollierten Stadt in ihrem Reich tatsächlich Realität werden lässt?

*Slav Gospodinov, geboren in Bulgarien, absolvierte den Masterstudiengang Bühnenbild an der Accademia di Belle Arti di Brera und nahm an diversen Fort- und Weiterbildungskursen am Teatro alla Scala in Mailand teil.

WAS PASSIERT, WENN…?

Was passiert, wenn sich auf der Bühne des Theater an der Wien an Stelle der Weite und jenes Flusses, der Freiheit und Untergang gleichermaßen symbolisiert, ein riesiger, in sich geschlossener Raum, ganz aus Holz, befindet? Ein Einheitsraum, der keinen Unterschied macht zwischen der freien Natur, dem Garten des Fürsten, dem Wohnhaus der jungen, hübschen Kuma und dem Wald, in dem die Oper schließt? Ein Raum, der das private, ja das intime, wie das öffentliche Leben gleichermaßen umfasst und keinerlei Rückzugsmöglichkeit bietet?
Was, wenn sich jener Wald, in den uns die Oper letzten Endes führt, jedoch in der Maserung dieses Holzraumes überall abzeichnet? Welche Bedeutung hat hier der Wald, der sich sowohl als Zufluchtsort für Verfolgte als auch als unheimlicher Ort, als dichter Dschungel, in dem der Mensch seiner selbst verlustig zu gehen droht, seit jeher die Geschichte und Geschichten unserer Kultur prägt?
Und was passiert, wenn ein echter Wald, der auf der Bühne 1:1 nachgebildet wird, sich lediglich durch einen schmalen Spalt in der Hinterwand des Raumes erreichen lässt: Bietet dieser Spalt dann einen tatsächlichen Ausweg aus dem System? Was, wenn sich dieser Spalt zwar am Anfang der Oper öffnet, anschließend aber fast nurmehr Bilder einer Außenwelt zu sehen sind?
Was wenn diese Außenwelt dem Gemälde, d.h. der künstlerischen Vision eines Birkenhains gewichen ist, und der Blick nach draußen, zwar an den Blick durch eines der Panoramafenster des Leopoldmuseums gemahnt, hier jedoch lediglich die Fotografie zweier christlich-orthodoxer Kirchen zeigt, die – auf Folie gedruckt und von hinten beleuchtet – eine wenn-gleich strahlende, so doch eigentümlich künstliche Anmutung erhalten?
Vor allem aber müssen wir uns wohl fragen: Was bedeutet es, wenn dort, wo das starre, in sich geschlossene System wirklich aufzubrechen beginnt, schließlich nur der Blick freigegeben wird auf einen mit 150 m2 unfassbar großen, mit weißer Farbe auf schwarzen Samt gemalten Wald, der in seiner Tiefenwirkung eine ungeheure Faszination besitzt und doch zugleich alles Licht im tiefen Schwarz des Samtes verschluckt…?

DAS ANDERE

Lässt sich in einem solchen System jene Weite, von der Kuma und Juri ebenso wie die übrigen jungen Leute träumen, überhaupt finden? Gibt es eine andere Welt jenseits dieses starren Systems, die einen tatsächlichen Frei-Raum eröffnen könnte?
Gerade der Unterschied zwischen dem, was wir sehen, und dem, was wir nicht sehen, zwischen dem, was wir erwarten, und dem, was uns gänzlich unvorbereitet trifft, zwischen der gewohnten Perspektive und dem mit einem Mal völlig veränderten Blickwinkel auf jene Dinge, die wir bereits zu kennen und begriffen zu haben glauben – gerade dieser Unterschied zwingt uns umzudenken, neu zu denken, die Dinge noch einmal mit anderen Augen zu betrachten…

Franziska Korun