Barock für alle Sinne: Oh Musica und schöne Kunst!

Martin van Meytens d. J., Die Familie des Grafen Nikolaus Pálffy von Erdöd, um 1760

Kombiticket für die Händel-Oper "Rinaldo" in der Kammeroper und für die "Martin van Meytens"-Ausstellung im Winterpalais des Prinzen Eugen.
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Les Pêcheurs de Perles

Handlung&Fotos - NEU: Behind the Scenes

Premiere
Sonntag, 16. November 2014
19:00 bis ca. 21:30 Uhr
(Pause ca. 19:50 Uhr)

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Mo Di Mi Do Fr Sa So
November 2014
16
19 22
25 28 30

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Inhalt und: Erste Einblicke hinter die Kulissen!

Im Zuge des Exotismus waren im 19. Jahrhundert auch in der Oper entlegene Schauplätz und scheinbar fremdländische musikalische Elemente groß in Mode. 1863 erhielt Georges Bizet vom Direktor des Pariser Théâtre Lyrique den Auftrag, ebenfalls ein derartiges Stück zu komponieren – es war Bizets erste große Oper, die er präsentieren durfte. Die Dreiecksgeschichte aus der Feder der routinierten Librettisten Cormon und Carré bot fremde Rituale, schöne Eingeborene, zwischen denen aber die gleichen Gefühlsstürme entfacht werden wie in den in der Alten Welt angesiedelten Stücken.

Die Perlenfischer erwarten die geweihte Jungfrau, die mit ihren Gebeten das Meer beruhigen soll, damit die Fischer gefahrlos ihrer Arbeit nachgehen können. Zurga, ihr neuer Anführer, und sein Freund, der Jäger Nadir, hatten sich einst in dasselbe Mädchen verliebt, sich aber um ihrer Freundschaft willen geschworen, beide auf sie zu verzichten. Aber Nadir hat den Eid heimlich gebrochen und sich dem Mädchen genähert. Als die verschleierte Jungfrau angefahren kommt, muss sie schwören, niemals einem Mann anzugehören. Am Klang ihrer Stimme erkennt Nadir aber sofort in ihr jenes Mädchen, das er liebt, Leila. In der Nacht treffen sich die Liebenden, werden aber vom Hohepriester Nourabad ertappt. Zurga muss die beiden zum Tod verurteilen. Erst will er den Freund und die Jungfrau mitleidig begnadigen, aber als Nourabad den Schleier der Jungfrau herunterreißt und Zurga damit Nadirs Betrug entdecken muss, verdammt er das Paar voll eifersüchtiger Wut zum Tode. Schnell bereut er seinen Beschluss, zumal er von Leila, die um das Leben von Nadir bittet, erfährt, dass sie Zurga einst das Leben gerettet hat. Als die Liebenden zur Hinrichtung geführt werden, legt Zurga Feuer im Zeltlager der Fischer, um im entstehenden Chaos Nadir und Leila Gelegenheit zur Flucht zu verschaffen.

Warum nicht einfach...?

… einen lustvollen Abend, untermalt von überirdisch schöner Musik genießen – fernab von all den Sorgen und Nöten, die uns tagtäglich begleiten?!
Gerade heute ist die Sehnsucht nach einer heilen, ja paradiesisch-exotischen Welt jenseits der Wirren unseres Alltags groß. Dabei geht es uns keineswegs um die Begegnung mit einer realen exotischen Welt: Uns geht es um den Rückzug in eine andere Realität jenseits des realen Lebens, in eine künstlich geschaffene Realität, die trotz aller Künstlichkeit gerade in ihrer Verspieltheit den Anschein einer ursprünglich-glücklichen Lebenswelt erweckt. In dieser Welt besitzt alles seinen besonderen Glanz, seine außergewöhnliche, romantische Anmutung.

Kitsch as Kitsch can

Insbesondere das Fernsehen setzt derlei exotische Welten seit langem allabendlich erfolgreich in Szene: vom Traumschiff über das Inselparadies bis zur Survival-Show spielt sich unsere Mediengesellschaft durch immer neue Aussteiger-Fantasien, die Lotte de Beer und ihr Team nun ihrerseits in Bizets Perlenfischern meisterlich kopieren – nicht ohne allerdings zugleich die Künstlichkeit jenes für eine weitere Survival-Show präparierten Naturidylls entsprechend zur Schau zu stellen: Auf dieser Bühne ist im wahrsten Sinne des Wortes alles eine einzige, große Inszenierung, ja mehr noch: alles ein einziger Fake. So wird ein prächtiger Sandstrand auf dem Terrain eines ehemaligen Slums geschaffen, anstelle der ursprünglichen Slumhütte eine märchenhafte Pagode errichtet und die Szenerie mithilfe diverser exotisch anmutender, von Arbeitern immer wieder neu arrangierter Accessoires komplettiert. Und selbstverständlich handelt es sich auch bei diesen Accessoires ausnahmslos um reine Kunstprodukte: Denn nicht nur, dass überlebensgroße Muscheln, aus denen orientalische Tänzerinnen auftauchen, in Wirklichkeit nicht existieren, vielmehr wurden diese Muscheln, wie Ulrike Müller*, die für die Produktion zuständige Mitarbeiterin des technischen Planungsbüros, erklärt, aus künstlichem Glasfasergewebe gefertigt und mit einem technisch hochdiffizilen Feder- und Dämpfungsmechanismus ausgestattet, der es den Tänzern ermöglicht, die Muscheln mühelos zu öffnen. Gleiches gilt – um nur ein weiteres Beispiel zu nennen – aber auch für den Käfig, in dem Leila zwischenzeitlich gefangen gehalten wird: Auch dieser besteht keineswegs, wie man vermuten möchte, aus echtem Bambus, sondern ist aus PVC-Rohren zusammengesetzt, die gewöhnlich bei der Elektroinstallation verwendet werden...

Global Players


Ein weiteres wesentliches Element dieser Inszenierung ist eine, unmittelbar hinter der Pagode angebrachte, riesige, im Radius 7m große, halbrunde Projektionsfläche. Die hierfür benutzte, mit kleinen Löchern versehene („Arena“-) Folie dient allerdings nicht nur zur Projektion unterschiedlicher Bilder und Live-Videos der Protagonisten der Show, sondern wird, sobald man sie von hinten beleuchtet, durchsichtig und gibt den Blick frei auf ein Gebäude, in dem sich – direkt gegenüber des Zuschauerraumes – eine Vielzahl an Menschen unterschiedlichster sozialer Schichten und Gesinnungen, unterschiedlichsten Alters und unterschiedlichster „couleur“ befinden, die von dem Spektakel auf der Bühne alle gleichermaßen in Bann gezogen werden: Denn die Reality-Show bietet ihnen eine Projektionsfläche für all ihre Sehnsüchte und Träume und liefert ihnen zugleich den Beweis dafür, dass jeder Mensch, so unbedeutend er auch sein mag, durch eine solche Show ein berühmter Fernsehstar zu werden vermag.

„Ihre Stimme zählt!“

So scheint uns die Möglichkeit der medialen Selbst-Darstellung – sei dies in social networks oder in Fernsehshows – die Aufmerksamkeit eines riesigen Publikums zu garantierten. Sie verleiht uns – und sei es nur für einen kurzen Zeitraum – das Gefühl, einmal tatsächlich im Rampenlicht zu stehen, einmal als Individuum wahrgenommen zu werden und aus der grauen Masse hervorzustechen. Zudem aber gewinnen wir den Eindruck, die Geschehnisse um uns herum tatsächlich mitbestimmen zu können – und zwar ohne dabei eine unmittelbare Auswirkung der Ereignisse auf das eigene Leben befürchten zu müssen!
In Wahrheit ist jedoch auch diese scheinbare Selbstbestimmung lediglich das Produkt einer geschickten medialen Inszenierung, die letztlich nur darüber hinwegtäuschen will, dass der Einzelne in unserer modernen Welt längst die Kontrolle über das Ganze verloren hat: Was geschieht, ist die Summe einer unüberschaubaren Menge von Einflussfaktoren und auf komplexe Weise verschränkter Prozesse.
Es mag daher nicht überraschen, dass, wie Ulrike Müller betont, eine der größten Herausforderungen dieser Produktion darin bestand, jenes „Gesellschafts-Gebäude“, mithin das Gerüst für die Wohnräume, in denen insgesamt 43 Personen Platz finden, zu stabilisieren. Allein die statischen Berechnungen für diesen Stahlbau mit Holzverkleidung erwiesen sich als wahrer Drahtseilakt! Und auch wenn die Darsteller dank der Präzisionsarbeit des technischen Planungsbüros nicht fürchten müssen, unverhofft in die Tiefe zu stürzen, so ist eben dieser Drahtseilakt doch geradezu sinnbildlich für die Instabilität einer Gesellschaft, die in ihren Entscheidungen und Selbstdarstellungen letztlich einer medialen Fiktion erliegt.

„Death Sells!“

Dabei wird jede Selbstdarstellung von einem allumfassenden Voyeurismus aufgesogen: jede Gefühlsregung annektiert von einer weltumspannenden medialen Öffentlichkeit, jeder Kommentar Teil eines öffentlichen Diskurses, den wir längst nicht mehr zu beherrschen vermögen. Und da Liebe und Hass, Sehnsucht und Todesangst sich als marktwirtschaftlich äußerst profitable Kassenschlager erweisen, zielen die medial inszenierten Survival-Challenges letztlich stets auf einen unkontrollierten Ausbruch der Leidenschaften – sowohl der Protagonisten als auch des Publikums –, um eben diese überhitzte Emotionalität für eine gewinnbringende Vermarktung zu nutzen. Die Flucht aus dem Grau in Grau des Alltags endet somit in einem Hexenkessel reiner Triebhaftigkeit, in dem – und das ist entscheidend – der Zuschauer jedoch keinerlei Verantwortung für das Geschehen zu übernehmen braucht: Denn schließlich bleibt alles nur Show! Ja selbst der Tod verkommt zum reinen Spektakel…Es kann sich also ein jeder entspannt zurücklehnen und genießen?

* Ulrike Müller, geboren in Linz, ist diplomierte Architektin und arbeitete bereits während ihres Architekturstudium an der Technischen Universität in Graz am Schauspielhaus Graz. Seit Mai 2012 ist sie als Mitarbeiterin im Technischen Planungsbüro des Theater an der Wien tätig.

Franziska Korun