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L´Orfeo

Programm

Premiere
Mittwoch, 21. Juli 2010
20:30 bis ca. 22:30 Uhr
Semperdepot

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Mo Di Mi Do Fr Sa So
Juli 2010
21 23
26 28

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Der »L´Orfeo« von Andreas Bode und Titus Engel beginnt nicht zwischen grünen Hügeln, um sich schließlich in das Abseitige der Welt zu wagen, sondern in einer Welt nach der hypothetischen Katastrophe, durch die die Unterwelt längst ein Teil der oberen Welt geworden ist. Im Bühnenbild, einer Landschaft aus Sand von über 150 qm, spiegelt sich dieser Gedanke. Das barocke Libretto wird durch moderne Prosatexte verdichtet, die Partitur auf ihren Kern reduziert und mit Mitteln der zeitgenössischen Musik klanglich bearbeitet und mit einem teilweise ungewöhnlichen Instrumentarium wie Cymbalon und elektrische Gitarre interpretiert. Die Musiker sind zugleich Darsteller und nehmen direkt an der Bühnenhandlung teil. Wie in den vorangegangenen Produktionen von Andreas Bode, „Der Freischütz“ im November 2004 und „Don Giovanni“ im Dezember 2005, stehen die Sänger neben ihrer musikalischen vor allem mit ihrer darstellerischen Leistung im Vordergrund. Zu fünft interpretieren sie alle Figuren sowie die Chöre Monteverdis.
Diese zeitgenössische Version des „L’Orfeo“ bildet einen spannenden Kontrapunkt zu Interpretationen der historischen Aufführungspraxis.


Orfeo: Der Mensch im Mittelpunkt der Welt

Um 1600 scheinen jene letzten Bindungen zerschlagen, die den Menschen im System von Kirche und autoritärer Staatsform gefangen hält. Auch wenn faktisch die Abhängigkeit des Individuums unverändert bleibt, beginnt der menschliche Geist, die Grenzen des bisher Vorstellbaren zu sprengen. Orfeo ist Sinnbild einer ganzen Epoche, in der Kunst und Wissenschaft als jene Fähigkeiten erkannt werden, die den Sonderstatus des Menschen auf der Welt manifestieren.
Monteverdis Orfeo, ein Genie, kann Kraft seiner musikalischen Fähigkeiten den Kosmos verändern. Die Reise in die Unterwelt, mit der er versucht, die von ihm begehrte und durch einen tödlichen Schlangenbiss verlorene Euridice zurück zu gewinnen, ist nicht nur eine Liebes-Heldentat. Weil das geographische System der Dreiteilung der Welt in Erde, Himmel und Hölle aufgrund des wissenschaftlichen Fortschritts nicht mehr funktioniert, finden diese Räume im Unterbewusstsein des Menschen einen Platz. So ist Orfeos Weg auch eine Expedition, auf der er sich mit den Grenzen seines Handlungsspielraums, der Frage von Abhängigkeit und Macht konfrontiert. Die Reise kulminiert in der Frage des Vertrauens. Als absolutes Individuum stellt er sich in den Mittelpunkt der Welt; verliert damit aber die Liebe und die Verbindung zu seinen Artgenossen.
Die Angst, die in diesem Moment freigesetzt wird, dämpft Monteverdi durch den Auftritt Gottes. Noch scheint die Zeit nicht gekommen, in der der Mensch endgültig dem Nichts gegenüber treten kann.

Andreas Bode


Die weißen Flecken in Monteverdis Musik

Was vor 400 Jahren Praxis des Musizierens war, Konventionen, die jeder ausübende Musiker kannte und die nicht im Notenbild enthalten sind, wurden in den vergangenen 400 Jahren bis heute zu unbekanntem Terrain. Die Bewegung der historischen Aufführungspraxis begab sich, gewappnet mit wissenschaftlichen Kenntnissen über die Historie in diese Gebiete, um eine neue Authentizität zu behaupten. Zwar hat sie zu spannenden klanglichen Ergebnissen geführt, wie zu einer großen Leichtigkeit in der Interpretation oder neuen Instrumentalfarben. Jedoch gerät diese Behauptung dort an Grenzen, wo zunächst scheinbar nebensächliche Elemente wie die gesellschaftliche Umgebung – man denke z.B. an den historischen Zuhörer – mit einbezogen werden. Letztlich drückt sich in der Suche nach dem nie zu erlangenden Echten in der Interpretation jeder vor unserer Zeit geschriebenen Musik die Sehnsucht nach einer abgehobenen, von Zeit- und Gesellschaftsentwicklungen unabhängigen, ja „unschuldigen“ Musik aus.

Unsere Bearbeitung begibt sich auf die Suche nach einer modernen, die Gegenwart miteinbeziehenden Authentizität. In enger Zusammenarbeit mit der szenischen Konzeption wurden Komponenten unserer Wirklichkeit integriert. Doch natürlich ist auch Historizismus Ausdruck unserer Zeit. Wir haben großen Wert darauf gelegt, Monteverdis Partitur zu erhalten und keine Note der Vorlage zu verändern.

Titus Engel und Tobias Schwencke