Orphée et Eurydice 1280x680 © Franz Schwarzinger

Zum Werk

Christoph Willibald Gluck und Ranieri de’ Calzabigi haben sich 1762 in ihrer Bearbeitung des Orpheus-Mythos (fast) auf die Personen des Liebespaares Orpheus und Eurydike beschränkt und die Handlung auf scharf kontrastierende Bilder verdichtet. Anstatt auf die üblichen, unüberschaubaren Intrigen zu bauen, vertrauten die Autoren der Einfachheit und Klarheit des Handlungsverlaufs. Mit Hilfe von dramatisch schlagkräftigen, psychologisch motivierten und vom Orchester begleitenden Rezitativen wurde die starre Trennung von Secco-Rezitativ und Arie vermieden und so ein bruchloser, organischer Übergang in ariose Passagen ermöglicht. Die lediglich die Virtuosität der Sängerinnen und  Sänger zur Schau stellenden Da-Capo-Arien wurden durch schlichte, aber zu Herzen gehende Lied- und Chorstrophen ersetzt. Allein das übliche „lieto fine“ – also das glückliche Ende – blieb im Gegensatz zu Ovids Vorlage als einzige Konzession an den  Publikums - geschmack noch unangetastet. Zweifelsohne stellt Glucks erste Reformoper einen bedeutenden Wendepunkt in der Operngeschichte dar, bricht sie doch radikal mit den zur Konvention erstarrten Normen, wie sie von Metastasio für die italienische Opera seria vorgegeben waren. Dieser Bruch mit der Konvention ist allerdings keineswegs aus dem Nichts entstanden. Bereits 1754 – also acht Jahre vor der Wiener Erstaufführung von Glucks erster, italienischer Fassung 1762, Orfeo ed Euridice – veröffentlichte der Kunstkritiker Francesco Algarotti ein eher schmales Büchlein, in dem er gnadenlos mit der gängigen Theaterpraxis seiner Zeit abrechnete und sich Gedanken über eine Reform der Kunstgattung Oper machte. Er löste damit zeitgleich nicht nur in Wien, sondern auch in Parma, Stuttgart, Mannheim und St. Petersburg Bestrebungen aus, die Opera seria durchgreifend zu reformieren. Es erscheint nicht verwunderlich, dass Glucks Orfeo ed Euridice der durchschlagende Erfolg in Wien  versagt blieb. Zu ungewohnt, zu revolutionär war die neue Oper für das Publikum. Dieser stellte sich erst zwölf Jahre später, 1774, mit einer neuen, leicht veränderten, französischen Fassung in Paris ein, was insofern nicht überraschend ist, weil Gluck darin zusammen mit seinem französischen Librettisten Pierre-Louis Moline auf die Tradition der Tragédie-lyrique zurückgreift.