Enoch Arden 1280x680 © Franz Schwarzinger

Zum Werk

Ottmar Gersters Enoch Arden oder Der Möwenschrei war eine der erfolgreichsten Opern des 20. Jahrhunderts, selbst wenn sie in den meisten Opernführern jüngeren Datums keine Erwähnung mehr findet. Am 15. November 1936 in Düsseldorf mit außerordentlichem Erfolg uraufgeführt, wurde sie in den Jahren darauf von mehr als fünfzig Bühnen nachgespielt – nicht nur im deutschsprachigem Raum (etwa 1940 in Linz und 1942 in Graz), sondern auch in Finnland, Rumänien und Italien. Nach 1945 erlebte die Heimkehrer-Tragödie insbesondere in der DDR, wo auch eine Gesamteinspielung auf LP veröffentlicht wurde, erneut eine veritable Renaissance, weil der Stoff die Menschen persönlich berührte, ehe sie in den 1960er Jahren auch dort in Vergessenheit geriet. Im Gegensatz zu den Kompositionen seiner  erfolgreichen Zeitgenossen wie etwa Franz Schreker, Igor Strawinsky oder Richard Strauss, der übrigens bereits 1897 auf dieselbe Vorlage, die gleichnamige Ballade von Tennyson, ein Melodram verfasst hatte, mag die Musik Gersters auf den ersten Blick vielleicht etwas einfach gestrickt erscheinen, sie erweist sich jedoch als überaus effektvoll und bühnentauglich. Ottmar Gersters Enoch Arden ist wohl ein letztes Beispiel veristischer Opernkultur, das stilistisch zwischen d’Alberts Tiefland und Hindemiths Mathis der Maler einzuordnen wäre. Tänze und Lieder von einprägsamer Melodik stehen neben Fugen und herber Polyphonie. Auch musikalisch nicht vorgebildete Menschen mit seiner Musik zu erreichen, war Zeit seines Lebens die oberste Maxime des Komponisten. Wie sein Freund und Kollege Paul Hindemith in den 1920er Jahren unter anderem als Leiter von Arbeiterchören musikalisch  sozialisiert, konnte sich Ottmar Gerster später auch mit den ästhetischen und  politischen Linien, die die nationalsozialistische Kulturpolitik leiteten, identifizieren. Genauso war das dann in der DDR der Fall, in die der Komponist 1947 übersiedelte und wo er nicht nur zahlreiche Auszeichnungen erhielt, sondern auch als Professor  an die Leipziger Hochschule berufen und zum Vorsitzenden des Verbandes  Deutscher Komponisten gewählt wurde. Als stilistisch symptomatisches Werk seiner Zeit, das eine bewegende Geschichte mitteilt, soll ein besonderer, innovativer Zugriff das dramatische Potenzial von Enoch Arden neu zur Diskussion stellen.