Orlando © beyond | Herwig Zens

Zum Werk

Georg Friedrich Händel musste in den 1730er Jahren mit seinen italienischen Opern stark um die Gunst des Publikums kämpfen, aber das spornte ihn auch zu ungewöhnlichen Ideen an. Für Orlando griff er zum ersten Mal zu einer Vorlage aus Ludovico Ariosts Orlando furioso (1516-32), wegen des großen Bekanntheitsgrads dieses Epos’ hoffte er auf großes Zuschauerinteresse. Die verrückte Handlung  erforderte den Einsatz der gesamten Theatermaschinerie und sollte die Schaulust des sensationsgierigen Londoner Publikums befriedigen, das ja auch zum Spaß ins Narrenhaus gingen. Händel lieferte ihnen dieses Erlebnis ab dem 27. Jänner 1733 im King’s Theatre am Haymarket mit seiner großartigen Musik versehen. Orlandos pathologischer Zustand war für Händel besonders anregend, konnte er doch für diese Figur neue musikalische Formen außerhalb des Opera seria-Schemas ersinnen. Es  wurde sogar ein neues Instrument konstruiert: Händels Konzertmeister Pietro Castrucci erfand die Violetta marina, eine mit Resonanzsaiten ausgestattete Altgeige. Anders als in vielen anderen Zauberopern fungiert hier der Magier Zoroastre nicht als der Verursacher der geistigen Verrückung des Helden, sondern als sein Retter. Die Selbstüberwindung des Helden folgt am Ende dem Schema der barocken Oper, die Affektberuhigung zur Vernunft hin findet programmgemäß statt, aber Orlando schafft es nicht aus eigener Kraft, seine natürlich entstandene Verliebtheit zu besiegen, er braucht magische Hilfe. Insgesamt wirkt Zoroastre wie ein Experimentator, der mit seinen Versuchskaninchen in unterhaltsamem Anschauungsunterricht vorführt, wie unangebrachte Leidenschaft das Funktionieren der Gesellschaft behindert. Auch Dorindas und Angelicas Psychogrammen widmete Händel genaue Aufmerksamkeit. In auffallend positionierten, vielfältigen Accompagnati schildern sie ihre Empfindungen und Ängste. Die Oper präsentiert sich als ein unkonventionelles, dichtes Gewebe aus Accompagnati, Ariosi, Duetten, Terzetten und unterschiedlichen Arienformen mit vergleichsweise wenigen Rezitativen. Über Händels eigenwillige Struktur waren die Zeitgenossen ein wenig irritiert, jedoch erwies sich Orlando als eine seiner zukunftweisendsten Opern.