Norma © beyond | Leopold Kogler

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Vincenzo Bellini gelang eine Bilderbuchkarriere, während der er jede Oper genau ausarbeiten konnte und bei fast allen seiner Bühnenwerke stand ihm in Felice Romani der beste Librettist Italiens zur Verfügung, so auch bei Norma, die 1831 für die Mailänder Scala entstand. Bellini war auf der Höhe seiner Karriere, aber erstaunlicherweise wurde die Uraufführung am 26. Dezember 1831 trotz  hochkarätiger Besetzung ausgepfiffen. Da er Norma für seine bislang beste Oper hielt, war Bellini völlig konsterniert: „Ich komme von der Scala; erste Aufführung von Norma. Würdest Du es glauben? Fiasko! Fiasko! Feierliches Fiasko!“ schrieb er nach der turbulenten Premiere an seinen Freund Francesco Florimono. Aber mit den weiteren Aufführungen kam der verdiente Ruhm. Wie in La vestale, einem Vorbild für Norma, wurde die Titelpartie eine Paraderolle für große Sängerinnen, die  gesanglichen und darstellerischen Ansprüche für Pollione und Adalgisa sind kaum weniger hoch. Die Handlung in Norma ist allerdings tragisch und vielfach verschlungener als in La vestale: Mit Adalgisa wird das Drama um die Unkeuschheit einer Priesterin zu einer abwechselnd von Eifersucht, Mitgefühl und Rachgier  vorangetriebenen Dreiecksgeschichte vor der Kulisse eines heidnischen Druidenkultes, der eine Priesterin braucht, aber letztlich von Männern geleitet wird – Oroveso, der Oberdruide, ist bezeichnenderweise auch noch Normas Vater. Norma ist der Höhepunkt von Bellinis und Romanis Meisterschaft in der Musikdramaturgie, worin sich Text und Musik untrennbar vereinen. Man assoziiert Bellini oft mit  romantischer Melancholie, seine von Verdi gerühmten „melodie lunghe lunghe  lunghe“ verwirklichen sich eindrucksvoll in der berühmtesten Nummer von Norma, „Casta diva“, dem Gebet an die Mondgöttin, aber gleich bezwingend meistert er  kriegerische Aggression wie im Guerra-Chor, Beziehungsstreit all’italiana im Finale I  und die tragisch-ekstatische Steigerung vor dem Scheiterhaufen. „Niemand weiß,  was Musik ist, wenn er aus einer Aufführung von Norma kommt und nicht bis zum   Überfließen gefüllt ist mit den letzten Seiten dieses Aktes.“ schrieb der Musikwissenschafter Alfred Einstein 1935 unter dem Eindruck von Bellinis Meiterwerk.