Faust © beyond | Leopold Kogler

Zum Werk

Charles Gounods hinreißende Vertonung ist als „Parodie auf Goethes Faust“ bezeichnet worden. Dabei haben die Kritiker aber außer Acht gelassen, dass Gounod und seine Librettisten bei ihrer literarischen Bearbeitung der Tragödie dieser zwar das Handlungsgerüst entnahmen, aber mit operngemäßem Spürsinn die Akzente so sehr veränderten, dass nicht mehr Faust, sondern Gretchen zur Hauptgestalt wurde. Es hatte also durchaus seine Berechtigung, dass diese wohl erfolgreichste Oper Gounods im deutschen Sprachraum bis vor kurzem unter dem Titel Margarethe aufgeführt wurde und war nicht allein dem Vorbehalt geschuldet, dieses Werk nicht so eins zu eins mit Goethes Drama in Verbindung bringen zu wollen. Steht doch in  dieser Opéra lyrique ein junges Mädchen im Zentrum, das an die große Liebe glaubt, verführt wird und daran zerbricht. Umkreist wird es von mehreren Männern,die ihre unterschiedlichen Sehnsüchte und Fantasien in dieses ahnungslose Wesen hineinprojizieren:  Faust träumt von Erkenntnis, Jugend und Leidenschaft, Mephistopheles beobachtet sie mit kaltem Voyeurismus, ihr Bruder Valentin betrachtet seine Schwester dagegen als Statussymbol und Eigentum; die aufrichtigen Gefühle Siebels verhallen im Nichts. Gounod hatte sich bereits während seines Italien-Aufenthalts (1839-42) mit dem Faust-Stoff und Goethes Drama, das auch in Frankreich überaus populär war, näher beschäftigt, ehe er vom Direktor des Théâtre Lyrique den Auftrag erhielt, eine neue Oper auf der Basis von Goethes Drama zu schreiben. Gounod machte sich zwar 1857 mit Feuereifer an die Arbeit, doch die Uraufführung verzögerte sich noch über zwei Jahre bis zum 19. März 1859. Es war dies noch eine Fassung mit gesprochenen Dialogen, wie es zu dieser Zeit gemäß  dem Napoleonischen Theaterdekret aus dem Jahre 1807 vorgeschrieben war, denn die durchkomponierten Werke in französischer Sprache waren dem Théâtre de  l’Opéra vorbehalten. In dieser Dialogfassung wurde die Oper allein am Théâtre Lyrique über dreihundertmal gespielt. Heute kennen wir dieses Werk freilich nur noch in der erweiterten und mit Rezitativen versehenen Fassung, die Gounod nach dem Bankrott des Théâtre-Lyrique für die Pariser Oper geschrieben hat und die auch wir spielen.