Giustino 1280x680 © beyond | Leopold Kogler

Zum Werk

Georg Friedrich Händels Giustino basiert auf den Anekdota des byzantinischen Geschichtsschreibers Prokop. Historisch belegt ist, dass ein armer Bauer mit dem Namen Justinos es bis zum Befehlshaber der Palastwache brachte und nach dem Tode des Kaisers Anastasios I. im Jahre 518 eine Intrige ausnutzte, um selbst Kaiser zu werden. Wegen der historischen Verbindung Venedigs zu Byzanz interessierte  man sich dort vermutlich für diese Ereignisse, und der Komponist Giovanni Legrenzi war wohl der Erste, der 1683 für die Lagunenstadt eine Oper um Giustino  geschrieben hat, die sich größter Beliebtheit erfreute und auf einem Libretto von  Nicolò Bergan beruhte, das allerdings mit den historischen Gegebenheiten recht frei umging. Weitere erfolgreiche Vertonungen wie etwa jene der beiden gebürtigen Venezianer Tommaso Albinoni (1711) und Antonio Vivaldi (1724) machten in Italien die Runde. Händel hatte wahrscheinlich während seines Rom-Aufenthaltes im Jahre 1729 Vivaldis Fassung kennengelernt und dürfte von dem Sujet recht angetan  gewesen sein, war er doch davon überzeugt, zu einer Zeit, als die italienische Oper in London nicht mehr so angesehen und populär war wie die Jahre zuvor, mit Giustino das Ruder noch einmal herumreißen zu können. Er hoffte anscheinend, mit dieser Oper einen bitter benötigten Erfolg einzufahren. Die märchenhafte Vorlage, die  genügend Raum für spektakuläre Bühneneffekte bot, die heroische Figur eines Mannes aus dem Volk als Titelhelden und eine erlesene Besetzung sowie ein ungewöhnlich häufig eingesetzter Chor sollten Garanten dafür sein. Doch die  Blütezeit der italienischen Oper war in London wohl für immer vorbei, das Publikum wollte jetzt englischsprachiges Musiktheater sehen. Neben Berenice und Arminio war in der Spielzeit 1737 auch Giustino ein Misserfolg beschieden und musste nach nur  wenigen Vorstellungen wegen mangelnden Publikumsinteresses abgesetzt werden.  Noch im gleichen Jahr schloss Händels Unternehmen für immer seine Pforten. Dass Händels Giustino jedoch eine der bühnenwirksamsten und charmantesten Opern des Komponisten, gleichsam ein ironisch-verklärter Abgesang auf die Opera seria ist, haben zahlreiche Aufführungen der jüngeren Vergangenheit bewiesen.