Bajazet 2020/21 Kammeoper 1280x680 © Hermine Karigl-Wagenhofer

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Antonio Vivaldi war Venezianer, er wurde 1678 in der Serenissima geboren. Und wie er hatten auch die venezianischen Librettisten seit der Entstehung des Dramma per musica eine ausgeprägte Vorliebe für orientalische Themen entwickelt, war doch Venedig für lange Zeit das Tor in den Orient. Daher ist es nicht  verwunderlich, dass die Gestalt des türkischen Sultans Bayezid I. (1360-1403), Symbol der Allmacht, aber auch der Niederwerfung des osmanischen Feindes, der künstlerischen Produktion in Venedig reichlich Nahrung lieferte. Bereits kurz nach  dem Frieden von Karlowitz 1699, bei dem die Türken bedeutende Gebiete an Venedig abtreten mussten, entstanden die ersten Opern, die Bayezids 1402 erlittene Niederlage gegen Timur (Tamerlano), den Fürst der Tartaren, zum Thema hatten. Insgesamt sind etwa fünfzig verschiedene Vertonungen überliefert, die dessen tragisches Schicksal behandeln. Unter den Komponisten finden sich die größten ihrer Zeit, etwa Francesco Gasparini, Georg Friedrich Händel, Leonardo Leo, Nicola Antonio Porpora und Niccolò Jommelli oder eben jenes so wirkungsvolle wie originelle Pasticcio von Antonio Vivaldi, das sich durch besonderen musikalischen Reichtum auszeichnet. Im Streit zwischen den Türken und Tartaren sahen Vivaldi und seine Mitstreiter die Möglichkeit, den aktuellen kulturellen Kampf zwischen Venedig – der Heimatstadt des Komponisten – und Neapel um die Vormachtstellung auf dem Gebiet der Oper szenisch und musikalisch zu verarbeiten. Vivaldi hatte den Einfall, Musik aus seinen eigenen Opern für die türkischen Rollen und ihre Verbündeten zu  verwenden, für die Mongolen und die mit ihnen Verbündeten wählte er hingegen Arien von Hasse, Giacomelli oder Broschi, also Komponisten, die der neuen neapolitanischen Schule zuzurechnen waren. Dass dadurch die Türken, die historischen Widersacher Venedigs, zu Streitern für die venezianische Oper wurden, kümmerte Vivaldi offenbar wenig, interessierte ihn doch vor allem die charakterstarke  und außerordentlich fesselnde Figur des Titelhelden und sein stolzes Aufbäumen gegen seine Niederlage und Demütigung. In Bajazets Vielfältigkeit spiegelt sich Vivaldis Kunst besonders farbenreich wieder.