Tristan Experiment 1280x680 © Herwig Prammer

Zum Werk

Richard Wagners Tristan und Isolde, vielleicht das bahnbrechendste Werk der Musikgeschichte, entsprang dem eigenen Erleben des Komponisten: Mit Mathilde Wesendonck, der Frau seines Gönners, verband ihn eine leidenschaftliche, unerfüllbare Liebe. Die Kraft dieser Liebe wurde zur Inspirationsquelle und verweist so wiederum auf jene schöpferische Gewalt, die nicht nur das Leben als solches erzeugt, sondern uns Menschen generell in weiterer Folge auch überlebensgroße geistige Leistungen und Kunstwerke zustande bringen lässt. Wagner war sich dessen bewusst, während der Arbeit schrieb er an Mathilde: „Ich bin immer noch im zweiten Akte. Aber – was wird das für Musik! Ich könnte mein ganzes Leben nur noch an dieser Musik arbeiten. O, es wird tief und schön; und die erhabendsten Wunder fügen sich so geschmeidig dem Sinn. So etwas habe ich denn doch noch nicht gemacht; aber ich gehe auch ganz in dieser Musik auf; ich will nichts mehr davon hören, wann sie fertig werde. Ich lebe ewig in ihr.“ Was ist nun stärker und wahrer? Das in der Imagination ins Unendliche gesteigerte Gefühl oder die unvollkommene, aber fassbare Realität? Die Imagination spielt im Mittelalter, aber die Liebenden scheitern – wie Richard und Mathilde – an der Moral des 19. Jahrhunderts. 1786 hatte Mozart mit Le nozze di Figaro die Etablierung dieser bürgerlichen Moral positiv gezeigt, 1857 enthüllt Wagners Werk deren Untauglichkeit gegenüber der ewigen Gewalt der Liebe. Ins Unbewusste verdrängt, stört ihr angeblich sündiges Begehren verhängnisvoll den Seelenfrieden. Wagner legt mit seiner Oper auch davon das beeindruckendste  Zeugnis seiner Zeit ab, lange bevor Sigmund Freud die Untiefen der Psyche wissenschaftlich erforschte. Unser Tristanexperiment dreht sich um die Schöpferkraft der Liebe und um jene Mechanismen der menschlichen Psyche. Dafür haben Dirigent Hartmut Keil und der weltbekannte Bass Günther Groissböck – der hierbei sein  Regiedebüt geben wird –, eine Wiener Kammerfassung für 5 Solisten und 20 Musiker entwickelt, die es dem Regisseur ermöglicht, einen genauen Blick in die Köpfe der Protagonisten zu werfen, die existenzielle Suche zwischen Herz und Hirn zu evozieren und das Stück in die Geschichte der bürgerlichen Psyche einzuordnen.