• Stefan Herheim © Marco Sommer

Liebes Publikum,

 

am 13. Juni 1801 öffnete das neuerrichtete Theater an der Wien seine Pforten. Das 225-jährige Bestehen dieses geschichtsträchtigen Hauses und seine Bedeutung für die Entwicklung des Musiktheaters wollen wir – trotz der Kürzungen unseres Budgets – mit einem reichhaltigen Programm aus epochalen Meisterwerken, neuen Stücken und Wiederentdeckungen feiern. Zusammen zeugen sie nicht nur von der historischen Kontinuität und Vielfalt dieser einzigartigen Kunstform, sondern auch von der Zuversicht der Menschen in ihre Schönheit, Notwendigkeit und Überlebenskraft.

 

Ziel der Leidenschaft und Sorgfalt unserer Mitarbeiter*innen ist immer der magische Moment, in dem Sie, liebes Publikum, Teil dieses kollektiven Kunstereignisses werden: Musiktheater verbindet, was auseinanderzudriften droht. In der Saison 26/27 fokussieren wir uns besonders auf Werke, in denen die Willkür der Macht und ihre Folgen für die Gesellschaft und den einzelnen Menschen verhandelt werden. Schon die Pioniere der Oper wussten davon ein Lied zu singen, und selten klingt das schöner als in Francesco Cavallis La Calisto von 1651. Zwei Jahrhunderte später hätte Richard Wagner die Ansprüche seines „Gesamtkunstwerks“ nicht eindrucksvoller antizipieren können als in seiner romantischen Oper Der fliegende Holländer.

 

Da wir die Kammeroper nicht mehr bespielen können, sinkt die Anzahl szenischer Produktionen am MusikTheater an der Wien. Damit muss leider auch unser Projekt CAMPUS zur Förderung von Nachwuchskünstler*innen eingestellt werden. Dafür setzen wir verstärkt auf das junge Opernpublikum und präsentieren neben unserer großen Familienoper Der kleine Prinz zwei neue szenische Projekte in der Hölle für Kinder ab 4 Jahren.

 

In der zweiten Saisonhälfte jährt sich zum 200. Mal der Tod eines Giganten, der als Hauskomponist am Theater an der Wien die Musikgeschichte zu revolutionieren begann. Erleben Sie zu diesem Anlass Ludwig van Beethovens einzige Oper in einer Inszenierung, die auf der Grundlage der beiden hier uraufgeführten Fassungen eines der signifikantesten Werke in der Geschichte unseres Hauses befragt: Leonore.

 

Wie ein ironischer Kontrapunkt zur „Rettungs- und Befreiungsoper“ Beethovens mutet Nikolai Rimski-Korsakows märchenhafte Satire Der goldene Hahn aus dem Jahr 1909 an, mit der sich der russische Regisseur Maxim Didenko in Wien vorstellt. Debütieren wird hier auch Nadja Loschky, wenn sie jenes Meisterwerk inszeniert, mit dem Georg Friedrich Händel im Jahr 1711 seinen Siegeszug in London einleitete: Rinaldo – eine unglaublich schöne Erzählung über Täter und Opfer eines Krieges, der keine Gewinner kennt.

 

Wer die rein musikalische Darbietung von faszinierenden Geschichten bevorzugt, wird sich über unser vielfältiges und in dieser Saison erweitertes Angebot an konzertantem Musiktheater ebenso freuen wie über die große Anzahl hervorragender Sänger*innen, Dirigent*innen und Klangkörper, von denen einige regelmäßig, andere zum ersten Mal an der Linken Wienzeile zu Gast sind. Inhaltlich ergänzt und begleitet wird dieses Programm von intimen Konzerten, Einführungen und Sonderveranstaltungen sowohl im Himmel als auch in der Hölle.

 

In einer Zeit, in der politische und ökonomische Machtspiele immer abstruser werden, erhalten unsere Aufführungen eine neue, eindringliche Aktualität. Um so mehr freuen wir uns auf das künstlerische Zusammenspiel mit Ihnen, und auf das gemeinsame Weitertragen des kulturellen Erbes eines einzigartigen Stadttheaters in einer einzigartigen Theaterstadt.

 

Im Namen aller Mitarbeiter*innen und Partner*innen des MusikTheaters an der Wien heiße ich Sie herzlich willkommen zur Saison 26/27!

 

Stefan Herheim

Intendant

MusikTheater an der Wien

 

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