La Wally 1280x680 © Franz Schwarzinger

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Alfredo Catalani wählte mit Wilhelmine von Hillerns Erfolgsroman Die Geier-Wally (1873) über eine Frau jenseits aller damaligen Geschlechterklischees, deren einziger  Freund ein zahmer Geier ist, einen außergewöhnlichen Stoff: Vom Vater wie ein  Junge erzogen, ist Wally stark und unbeugsam und kann ihrem Vater nicht gehorchen, als er sie an einen Ungeliebten verheiraten will. Wally sucht nicht, wie viele Opernheldinnen vor ihr, die gegen ihren Willen verheiratet werden sollen, innerhalb der Gesellschaft nach einer Lösung, sondern sie flieht in die schroffe Natur des Hochgebirges. Sie kann nur einen Ebenbürtigen lieben, der sich Bär und Vater entgegenstellt. Hagenbach ist ein Gegenentwurf zum alten Stromminger: Zuerst arrogant, zeigt er sich dann als treuer Freund von Afra und als ein Mann, der eine Frau wie Wally lieben kann. Aber ein solches Paar darf es in der Oper um 1892 nicht geben – anders als im Roman. Die Naturgewalt vernichtet ihre Möglichkeit auf Glück, damit der Schlussakkord in wuchtiger Tragik erklingen kann. Oft wird die am 20. Jänner 1892 an der Mailänder Scala uraufgeführte Oper dem Verismo zugeordnet, aber Catalani orientierte sich eher an Wagner, der deutschen Romantik sowie an den Opern seines Zeitgenossen Massenet. Das Orchester ist mit differenzierter Harmonik und farbenreicher Instrumentation sehr aufmerksam behandelt, es gibt Leitmotive, aber kaum feste Nummerngrenzen und Arien, nur Wallys „Ebben, ne andrò lontano“. Die Titelrolle schrieb Catalani für die rumänische Sopranistin Hariclea Darclée, damals bekannt als „Nachtigall der Karpaten“, sie war auch Puccinis erste Tosca. Eine musikalische Evokation der Tiroler Bergwelt strebte Catalani nicht an,  naturalistische Elemente wie der rustikale Walzer in der Kusstanz-Szene erscheinen immer der Situation der Figuren angemessen verarbeitet. Daher schildert die Musik keine Genreszenen, sondern psychische Vorgänge. Nur das Edelweißlied erzeugt anfangs Lokalkolorit. Der Zitherspieler Walter, der das Lied zuerst singt, obwohl Wally  es geschrieben hat, wirkt wie ihr poetisches zweites Ich. Er verkörpert, was sie  verdrängt: Die Sprache der Liebe, Kunst, Fröhlichkeit und Weiblichkeit. Leider ging Wallys ursprünglicher Freund, der Geier, beim Transfer des Romans in ein Opernlibretto zugunsten von Walter verloren.