Saul abgesagt 1280x680 © Monika Rittershaus

Zum Werk

Georg Friedrich Händel hatte seit seinem Sensationserfolg Rinaldo im Jahr 1711 das Londoner Musikleben mit seinen Opern italienischen Zuschnitts dominiert – und ging, nebenbei bemerkt, zweimal pleite. Aber von Anfang an gab es Kritiker, die Opern in englischer Sprache forderten. Ende der 1730er Jahre wollten die Londoner keine  italienische Oper mehr sehen. Der Komponist suchte nun nach Möglichkeiten, sein Publikum erneut zu fesseln und experimentierte ausführlicher mit dem englischsprachigen Oratorium. Mit Saul begann 1739 seine neue Karriere. Oratorien in englischer Sprache hatten gleich mehrere Vorteile für Händel: Er befriedigte die Gegner der italienischen Oper, er sparte sich die hohen Gagen der italienischen Star-Sängerinnen und -Sänger, und er musste keine Kosten für aufwändige und teure Dekorationen und Kostüme einplanen. Möglicherweise um den Mangel an Optischem wett zu machen, instrumentierte Händel seinen Saul äußerst reich und originell: Zunächst nutzte er Instrumente, von denen man damals glaubte, dass sie zu Davids Zeit (1000 v. Chr.) schon verwendet wurden, wie zum Beispiel Posaunen oder viel Schlagwerk. Dazu kam auch eine Harfe, die David im Stück vorgibt, indem er damit Saul beruhigt sowie ein Carillon, ein über eine Tastatur zu spielendes Glockenspiel, das im Verlauf des Oratoriums prägnant Sauls Wahn verklanglicht. Außerdem weist Saul in seiner Anlage noch große Nähe zur Oper auf, denn statt – wie in einem  herkömmlichen Oratorium – mit einem Erzähler ausgestattet, sprechen hier die Figuren mit- und übereinander. Diese dramatischen Elemente prädestinieren Saul  geradezu, ihn nicht konzertant, wie traditionell ein Oratorium, auf die Bühne zu bringen, sondern szenisch zu denken. Dieser Herausforderung stellte sich in der  Spielzeit 2017/18 der Regisseur Claus Guth mit seinem Ausstatter Christian Schmidt. Gemeinsam schufen sie eine hoch akklamierte Produktion, die viele  Assoziationsräume bietet und – wie von Händel vorgesehen – sich voll auf die  Titelfigur einlässt. Die Titelpartie des verzweifelten Königs Saul, der seine Macht langsam schwinden sieht, übernimmt – wie 2018 schon – unser Artist in residence Florian Boesch.