Guillaume Tell © beyond | Herwig Zens

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Hinter der Idylle brodelt es: Im Dorf Bürglen im Kanton Uri sollen Hochzeiten gefeiert werden, das Volk freut sich auf ein Fest, aber das Land wird von den Habsburgern, also von Fremden, beherrscht, vor allem der von ihnen eingesetzte Landvogt Gesler knechtet die Menschen brutal. Guillaume Tell leidet besonders darunter, noch mehr, als er bemerken muss, dass sein Freund Arnold in die Habsburgische Prinzessin Mathilde verliebt ist und sich deshalb auf die Seite der Unterdrücker schlagen will. Erst als Arnolds Bruder von Gesler getötet wird, schließt Arnold sich doch dem um Tell entstehenden Widerstand an. Unter Tells Führung vereinigen sich die Vertreter der Kantone Unterwalden, Schwyz und Uri mit dem Rütli-Schwur, um gegen die Fremdherrschaft zu kämpfen. Geslers eskalierende willkürliche Tyrannei gibt bald den Ausschlag zum Aufstand: Er verlangt, dass man seinem auf eine Stange  gesteckten Hut Reverenz erweise wie ihm selbst. Tell verweigert sich dieser Anordnung und wird festgenommen. Auch sein Sohn Jemmy wird  gefangen, und Gesler will ein abschreckendes Beispiel statuieren: Tell, als guter Bogenschütze weit bekannt, soll einen Apfel vom Haupt des Jungen schießen, damit allein könne er sein und des Sohnes Leben retten. Aber darf ein Vater auf sein eigenes Kind schießen, um sein Land zu retten? – Tell schießt und trifft, aber Gesler entdeckt in Tells Köcher einen zweiten Pfeil. Der wäre für Gesler gewesen, hätte der erste Pfeil Jemmy getroffen, bekennt Tell. Daraufhin lässt Gesler den Aufmüpfigen binden und schickt ihn auf einem Boot zum anderen Ufer des Sees, in einem Burgverlies sollen ihn die „Reptilien“ fressen. Doch kaum hat das Boot abgelegt, kommt ein Sturm über dem Vierwaldstätter See auf, und die Empörung der Schweizer geht allerorten in offenen Aufstand über – denn Tell ist inzwischen zu ihrem Volkshelden geworden. Jemmy entzündet Tells eigenes Haus zum Zeichen des Widerstands. Derweil kann sein Vater sich von seinen Fesseln befreien, gelangt wieder ans Ufer, tötet Gesler mit einem weiteren gezielten Bogenschuss und verschafft seinem Land so die lang ersehnte Freiheit.

Gioachino Rossini hat selten eine literarisch so gewichtige Vorlage wie in seiner letzten Oper verarbeitet: Friedrich Schillers Drama Wilhelm Tell (1804) war als Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution entstanden und diente 1829 dem vermeintlichen Komponisten der Restauration als Anregung für eine hellsichtige Studie über Unterdrückung, über die Entstehung politischen Handelns und  Heldentum. Und das kurz vor der zweiten französischen Revolution: Im Juli 1830 verlor wieder ein Bourbone den Thron. Selten nahm sich Rossini so viel Zeit für eine Komposition. Bei Tell konnte er mit zwei Librettisten am Text feilen, dann sorgfältig an der Partitur arbeiten und schuf so ein wegweisendes Meisterwerk in der Verbindung seines italienischen Ausnahmetalents für Melodie und Rhythmus mit der Vorliebe der Grand Opéra für großräumige, effektvolle Szenen. Schon mit der vierteiligen Ouvertüre – die zu einer seiner berühmtesten wurde – beschwört er sowohl die Landschaft wie die darin stattfindende Handlung mitreißend herauf. Da in der  Tell-Legende weitgehend Männer das Geschehen beherrschen, wurde die eigentlich nur als Nebenfigur geplante Habsburgerprinzessin Mathilde zu einer Hauptfigur der Oper aufgewertet, die sich der Freiheitsbewegung des unterdrückten Volkes anschließt. Für das Schweizer Kolorit verwendete Rossini Bruchstücke aus  Kuhreigen und webte sie so subtil ein, dass man nie den Eindruck einer nur simpel atmosphärischen Musik erhält. Die Oper trägt zwar Tells Namen und zeigt, wie er, der empörte Mensch der Tat, fast wider Willen zum Anführer des Aufstandes und zum Freiheitshelden wird, aber in Wahrheit ist das Volk das Zentrum des Dramas. Rossini hat konsequent in Guillaume Tell den Chor in den Mittelpunkt gerückt. Jede  Ensembleszene mit Chor entwickelt im Widerspiel zwischen Figuren und Volk eine ganz eigene Dynamik. Hier geht es wirklich um die Menschen als Gruppe – um ihr Schicksal, um ihre Reaktionen, um ihre Ohnmacht, aber auch um ihre Macht. Die Szene des Rütli-Schwurs ist dramatisches Zentrum der ganzen Oper und wirkt mit Rossinis musikalischer Suggestionskraft mitreißender als bei Schiller.