Belisario 2020/21 1280x680 © Hermine Karigl-Wagenhofer

Belisario

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Gaetano Donizettis Familientragödie mit politscher Dimension entstand 1836 für die Karnevalssaison des Teatro La Fenice in Venedig, aber der Weg des Stückes auf die Bühne war voller Hindernisse: Zuerst verhinderte ein Ausbruch der Cholera den  Beginn der Saison, und dann musste Donizetti während der Vorbereitungen  feststellen, dass die Partien nicht zu den Sängerinnen und Sängern passten. Als gewiefter Theaterpraktiker reagierte er sofort und arbeitete etliche Teile in Windeseile noch vor der Premiere um. Das Libretto auf der Basis verschiedener Dramen über den Belisario-Stoff stammte von einem jungen Theatermaler: Salvadore Cammarano. Er hatte schon den Text zu Lucia di Lammermoor verfasst und sollte einer der prägendsten Librettisten der Belcanto-Ära werden. Mit der Rolle des Belisario schuf Donizetti eine Paradepartie für einen großen Bariton, der, obwohl er ein siegreicher Feldherr ist, weniger als potenter Held denn als verzweifelt leidender Mensch dargestellt wird. Er, der sonst als Familienoberhaupt und Anführer im Krieg immer die Fäden in der Hand hatte, weiß plötzlich nicht mehr, was mit ihm geschieht, und ist in seiner Blindheit hilflos ausschließlich auf die liebevolle Zuwendung seiner Tochter angewiesen. Ungewöhnlicherweise gibt es keine Liebesgeschichte: Die eine Primadonnenrolle ist die als Mutter hintergangene, gekränkte Ehefrau mit virtuosen Wutausbrüchen und drohendem Verschwörungston, die andere Primadonnenrolle ist Irene, die liebende Tochter mit klaren, zu Herzen gehenden Kantilenen. Der Tenor, Alamiro, liebt zwar, aber es ist eine ganz unerotische Liebe, nämlich die zu seinem Vater und seiner Schwester. Und er ist mutig, wie er in einer von Donizettis besten Tenorarien „Trema Bisanzio! – Zittere, Byzanz!“ beweist. Die Partitur zeigt den Komponisten als versierten Könner, er stattet die Partien mit einfallsreichen Melodien und außergewöhnlich virtuosen Passagen aus, Ensembles, Bühnenmusik und Chortableaux verschränkt er mitreißend ineinander. So war der Beifall bei der Uraufführung groß, und Belisario wurde in ganz Europa nachgespielt. Nach 1900 geriet diese Oper allerdings völlig in Vergessenheit und ist trotz der Donizetti Renaissance der letzten 20 Jahre immer noch eine Neuentdeckung.