• Stefan Herheim © Lisa Edi

Liebes Publikum,

 

in großer Vorfreude auf Sie, die Stadt Wien und die Fortführung eines der erfolgreichsten Opernhäuser Europas begrüße ich Sie herzlich! 

 

Seit über sechzehn Jahren setzt das Theater an der Wien unter der Leitung von Roland Geyer neue künstlerische Maßstäbe. Nun ist es an mir, Sie nicht nur zu einer neuen Saison, sondern zur ersten Spielzeit einer neuen Intendanz und somit zu vielen neuen Begegnungen einzuladen. 

 

Vieles hat sich verändert, seitdem ich nach Wien berufen wurde. Spätestens das Scheitern des Friedens in Europa und das erneute Schließen des Eisernen Vorhangs haben deutlich gemacht, wie verletzbar die Werte sind, auf denen die Kunst der Freiheit und somit auch die Freiheit der Kunst beruhen. Wo die Sinnlichkeit zu kurz kommt, droht Stumpfsinn. Dem Scheitern politischer und ökonomischer Zugriffe auf die Welt gilt es mehr denn je ästhetische Zugänge entgegenzusetzen. 

 

Wer die Medien kontrolliert, kontrolliert den Verstand – meinen zumindest viele. Musik und Theater sind allerdings universelle Medien, die nicht nur an den Verstand, sondern an den ganzen Menschen appellieren. Vereint bilden die unterschiedlichen Bestandteile des Musiktheaters eine Einheit künstlerischer Vielfalt, aber auch eine Einheit menschlicher Vielfalt – ein vernetztes „Wir“, das alle Gegensätze und Widersprüche in sich trägt und sich simplen Vereinnahmungen entzieht. Zu diesem Wir gehören vor allem Sie, sehr verehrtes Publikum. Denn erst Ihre Beteiligung macht Musiktheater zum Kunstereignis. 

 

Diesem Wir fühlt sich die neue künstlerische Leitung des Theaters an der Wien und der Wiener Kammeroper ebenso verpflichtet wie der Vielfalt, die sich im vorliegenden Programm abbildet. Es spiegelt die künstlerische Bandbreite, welche die Oper vom Frühbarock bis heute hervorgebracht hat, einschließlich unbekannterer Gattungen und vernachlässigter Formen des Musiktheaters. Mit besonderem Augenmerk auf die einzigartige Synthese von Musik und Theater tritt die neue Intendanz des Theaters an der Wien mit einem neuen, um ein Wort ergänzten Logo an, das zusammen mit unserem neuen grafischen Auftritt in jeder Hinsicht Programm ist: MusikTheater an der Wien

 

Die Spielzeit 22/23 gibt den Auftakt für mehrere Programmreihen, die wir saisonübergreifend fortführen wollen. In an- und aufregenden Inszenierungen erleben Sie imposante Oratorien von Georg Friedrich Händel, kaum aufgeführte Meisterwerke der Wiener Klassik, leidenschaftliche Belcanto-Opern, fulminante Musikdramatik der Moderne und der Gegenwart, bezaubernde Einakter für die ganze Familie und endlich wieder auch das am Theater an der Wien historisch gewachsene Genre der Operette. Neben diesen Programmschwerpunkten offerieren wir viele singuläre Ereignisse und eröffnen mit einer der frühesten Opern, die im Dunstkreis der Florentiner Camerata von einer Frau komponiert wurde, sowie mit einem tierisch humanistischen Stück Musiktheater von Leoš Janáček, mit dem ich als inszenierender Intendant meinen Einstand geben darf. 

 

Thematisch ziehen sich durch diese Saison die Angst vor dem Fremden und die Selbstentfremdung, welche die Protagonist*innen der ausgewählten Werke auf mannigfaltigste Weise zu überwinden haben. Alle Stücke sind in enger Absprache mit Regieteams ausgewählt, deren unterschiedlichste Sicht- und Herangehensweisen ein unverwechselbares künstlerisches Handwerk und eine große Liebe zum Musiktheater verbinden. 

 

Verstärkt setzen wir die langjährige Zusammenarbeit mit den Wiener Symphonikern, dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien und dem Arnold Schoenberg Chor fort. Ebenso freuen wir uns auf die Expertise von stilbildenden Ensembles für Alte und Neue Musik sowie von renommierten Dirigent*innen und prominenten Sänger*innen aus aller Welt, von denen viele zum ersten Mal am Theater an der Wien auftreten werden. Unsere gemeinsamen künstlerischen Ansprüche sind neben den markanten Programmsäulen Garanten jener Kontinuität, mit der wir dem Theater an der Wien ein einzigartiges Profil verleihen werden. 

 

Als Schutz universeller Werte muss auch die im Frühjahr 2022 begonnene Generalsanierung des einstigen Wiener Vorstadttheaters an der Linken Wienzeile gesehen werden – ein Kulturdenkmal, das früher auch als „Nationaltheater an der Wien“ das Leben in der österreichischen Hauptstadt prägte. Hier setzten Geistesgrößen wie Emanuel Schikaneder, Ludwig van Beethoven, Franz Grillparzer, Johann Nestroy, Johann Strauss, Marie Geistinger und Franz Lehár künstlerisch vielfältige Maßstäbe, denen wir uns auch und gerade als MusikTheater an der Wien verpflichtet fühlen. 

 

Bis das alte Haus in neuem Glanz erstrahlend seine Türen zur Saison 24/25 wieder öffnet, finden unsere großen Neuproduktionen in der Halle E mitten im MuseumsQuartier statt – eine Spielstätte mit 800 Sitzplätzen, die sich für Musiktheater bestens bewährt hat. In diesem einzigartigen Ambiente, unmittelbar umgeben von großartigen Museen, dem innovativen Tanzquartier Wien und attraktiver Gastronomie, wird unser Blick für kulturelle Synergien so vielfältig reflektiert, dass wir uns keineswegs in ein „Ausweichquartier“ ausgelagert sehen. Vielmehr bietet unsere künstlerische Neuaufstellung an diesem Ort einmalige Chancen, neue Publikumsschichten zu gewinnen. Es ist mir eine besondere Freude, hier auch eine große Kooperation mit den Wiener Festwochen präsentieren zu können. 

 

Eine Zukunft ohne Musiktheater wollen wir uns nicht vorstellen. Deswegen erweitern wir unser Angebot an die Erben der Welt mit einer Vielzahl an Vorstellungen und Projekten für Kinder und Jugendliche. Allerdings werden diese auch Erwachsenen viel Freude bereiten – gerade unsere große Familienoper zu Weihnachten ist ein packendes Geschenk Musiktheater an alle! 

 

Freund*innen der Alten Musik und der historisch informierten Aufführungspraxis steht weiterhin eine große Auswahl selten gehörter Meisterwerke in konzertanter oder halbszenischer Aufführung zur Verfügung – immer hochkarätig besetzt. 

 

Auch für die Neuaufstellung der Wiener Kammeroper dient uns die musiktheatrale Synthese als Leitbild. Weiterhin werden hier hochtalentierte Nachwuchskünstler*innen im Zentrum der Ereignisse stehen. Statt mit einem festen Ensemble arbeiten wir mit internationalen Hochschulen, Akademien und anderen Talenteschmieden zusammen, um für jede Produktion noch studierende und sich gerade etablierende mit prominenten Künstler*innen zusammenzuführen. Von dieser synergetischen Vernetzung der Kammeroper mit der großen Welt des Musiktheaters versprechen wir uns kurzfristig einiges und langfristig sehr viel mehr. 

 

Darüber hinaus verbirgt sich unter den Namen CAMPUS, TaWumm! und Late Night ein Spektrum an unterhaltsamen Lehrveranstaltungen, Vermittlungsprojekten und künstlerischen Darstellungen von und mit inspirierten und höchst inspirierenden Persönlichkeiten. 

 

Schließlich bieten wir Ihnen unter dem Motto Zugabe kein Theater, aber einzigartige Musik von und mit Künstler*innen, die mit dem MusikTheater an der Wien eng verbunden und von allen neun Musen gehörig geküsst sind! 

 

Die Mitarbeiter*innen unseres Kartenbüros freuen sich, Sie über alle Gegebenheiten zu informieren, die sich im Zusammenhang mit unserer Spielstätte im MuseumsQuartier und unserem Abonnementangebot erneuern. Nach wie vor werden alle Frühzeichner*innen eines Abos besonders begünstigt. Auch für Ihre Fragen zum regulären Kartenverkauf, zu Matineen, Werkeinführungen und Sonderveranstaltungen sowie zu unserem neu aufgestellten Freundeskreis stehen wir Ihnen jederzeit und mit großer Freude zur Verfügung. 

 

Mit unserem Programm für 22/23 heiße ich Sie herzlich willkommen im MusikTheater an der Wien – in der Halle E im MuseumsQuartier und in der Wiener Kammeroper.

 

Wir freuen uns auf Sie!

 

Herzlich

Ihr Stefan Herheim

Intendant