Grand Opéra in vier Akten
Libretto von Eugène Scribe
Darf ein Märtyrertod zum Gegenstand einer Opernhandlung werden? Die italienische Zensur beschied die Frage in den 1830er-Jahren mit einem klaren „Nein“, sodass Gaetano Donizetti seine geplante Oper Poliuto kurzerhand in Frankreich und mithilfe des Librettisten Eugène Scribe als Grand Opéra herausbrachte: Als Les Martyrs feierte das Werk 1840 in Paris seine Premiere und wartete dort u. a. mit einer Balletteinlage, einer auf die Form des Musikdramas vorausweisenden Neustruktur der Partitur und einer spektakulär umgearbeiteten Tenorpartie auf. Zur Zeit der spätantiken Christenverfolgung in Armenien steht eine junge Frau nicht nur zwischen zwei Religionen, sondern auch zwischen Ehemann und früherem Geliebten. Private wie weltanschauliche Umbrüche prallen aufeinander in einer Oper, die den riskanten Kontrast zwischen italienischem Belcanto und französischer Romantik wagt. Regisseur Cezary Tomaszewski fokussiert sich in seiner Inszenierung auf die tragische Geschichte des Landes, in dem die Handlung angesiedelt ist: Armenien.
In französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Werkeinführung jeweils 30 Minuten vor Aufführungsbeginn
Trailer
ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Arnold Schoenberg Chor
(Leitung: Erwin Ortner)
Akt 1
Armenien steht im 3. Jahrhundert nach Christus unter römischer Herrschaft, und das Bekenntnis zur christlichen Religion ist bei schwerer Strafe verboten.
Die Christ*innen treffen sich heimlich in den Katakomben, um Polyeucte zu taufen, den Schwiegersohn des tyrannischen Gouverneurs Félix, welcher ein bekannter Christenfeind ist. Polyeucte ahnt, dass seine Taufe möglicherweise zum Märtyrertod führen wird. Zudem leidet er daran, dass seine Frau Pauline nichts von seiner Bekehrung zum Christentum weiß.
Pauline ihrerseits befindet sich auch in einem Zwiespalt, denn ihre Liebe gehört dem römischen General Sévère, der jedoch im Krieg verschollen ist. Nur ihrem Vater zuliebe hat sie sich auf eine Ehe mit Polyeucte eingelassen. Um mit ihren Gedanken allein zu sein, begibt auch sie sich in die vermeintlich leeren Katakomben, wird dadurch zur Zeugin der Taufzeremonie und stellt Polyeucte zur Rede. Um ihn nicht in Gefahr zu bringen, beschließt sie jedoch, niemandem etwas von der christlichen Zusammenkunft zu verraten.
Akt 2
Félix verschärft die Gesetze zur Christenverfolgung: Jeder getaufte Christ wird zum Tode verurteilt. Pauline ist entsetzt. Indessen wird die Ankunft eines neuen römischen Prokonsuls vorbereitet, der als erbitterter Christenhasser gilt und die Verfolgung beaufsichtigen soll. Dieser wird mit großem Pomp eingeführt und stellt sich als Sévère heraus, Paulines ehemaliger Geliebter, dessen Tod eine Falschmeldung war. Als Polyeucte und Sévère aufeinandertreffen, stellen sie fest, dass sie Rivalen um die Gunst Paulines sind. Der römische Priester Callisthènes platzt in die Feierlichkeiten und berichtet, dass man einer christlichen Taufe in den Katakomben auf die Spur gekommen sei.
Akt 3
Pauline und Sévère erinnern sich an ihre glückliche Vergangenheit, beschließen jedoch, ihre romantische Beziehung nicht fortzusetzen. Polyeuctes christlicher Freund Néarque wird im Tempel öffentlich verhört und soll gestehen, wer sich kürzlich in den Katakomben taufen ließ. Als er mit dem Tod bedroht wird, stellt sich Polyeucte. Félix lässt ihn gefangen nehmen, verspricht ihm jedoch die Amnestie, wenn er dem Christentum abschwöre.
Akt 4
Polyeucte weigert sich, dem Christentum abzuschwören. Félix und Pauline sind verzweifelt. Als Pauline ihren Ehemann im Gefängnis aufsucht, wird sie von einer göttlichen Vision heimgesucht und bekennt sich zum Christentum. Sie beschließt, zusammen mit ihrem Ehemann den Märtyrertod zu sterben. Zum Entsetzen von Félix und Sévère betreten Polyeucte und Pauline gemeinsam die Arena, in der die öffentliche Hinrichtung stattfinden soll. Zusammen mit weiteren Gefangenen werden sie den Löwen zum Fraß vorgeworfen.

Sie ist eine der markanten Persönlichkeiten, die den Gräueln des Genozids in Armenien ein Gesicht gegeben haben: Aurora Mardiganian (ursprünglich: Arshaluys Mardigian)
Geboren 1901 in einer westarmenischen Kleinstadt wurde sie als Teenager zur Zeugin des grausamen Völkermords, der am Ostersonntag 1915 mit Hausarresten und Massakern begann. In den folgenden Jahren erlebte sie auf diversen Todesmärschen u. a. die Ermordung ihrer gesamten Familie. 1917 gelang es ihr, sich über Tiflis, Sankt Petersburg und Oslo nach Amerika abzusetzen, wo sie auf den Journalisten Harvey Leyford Gates traf. Aurora Mardiganian fasste daraufhin den Plan, ihre Geschichte zu publizieren.
1918 veröffentlichte sie ihren Augenzeugenbericht unter dem Titel Ravished Armenia (wörtlich: „geschändetes Armenien“). Während die erste Ausgabe kaum Beachtung fand, wurde die im Jahr darauf erschienene zweite Ausgabe ein Bestseller in den Vereinigten Staaten. Ein Grund dafür war gewiss die noch 1918 begonnene und 1919 herausgebrachte Verfilmung des Buches. Der Regisseur Oscar Apfel schrieb die Memoiren um zu einem Drehbuch mit dem Titel Das ausgeraubte, geschändete Armenien oder die versteigerten Seelen. Während er die Nebenrollen mit damaligen Hollywood-Größen besetzte, kamen in den Massenszenen Armenier und Griechen als Statist*innen auf. Doch das Außergewöhnlichste ist mit Sicherheit der Umstand, dass Aurora Mardiganian selbst die Hauptrolle übernahm und ihre eigenen Torturen auf die Leinwand brachte. Mithin ist dieser Film sowohl Spiel- wie auch Dokumentarfilm. Wie es auch heute noch bei Hollywood-Produktionen der Fall ist, wurde die Hauptdarstellerin mit dem Film auf Promotion-Tour durch verschiedene amerikanische Großstädte geschickt. Tatsächlich spielte die Produktion 30 Millionen Dollar ein, die allesamt armenischen Waisenkindern zugutekamen. Bereits bei der ersten öffentlichen Aufführung am 16. Februar 1919 in Los Angeles überschlugen sich Publikum und Presse mit Lob, und insbesondere die schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin wurde gewürdigt. Der Star-Rummel um ihre Person wurde Aurora Mardiganian bald zu viel, und nachdem sie bei einer Cocktail-Party vor Erschöpfung in Ohnmacht gefallen war, verweigerte sie weitere öffentliche Auftritte. Daraufhin wurden einige junge Mädchen engagiert, die ihr ähnlich sahen und sich bei den Filmvorführungen als Aurora Mardiganian ausgaben.
Doch bevor Buch und Film auch in Europa publik gemacht wurden, wurden die Werke unter bis heute nicht aufgearbeiteten Umständen (bei denen politische und diplomatische Beziehungen eine Rolle gespielt haben dürften) aus dem Verkehr gezogen und zensiert. US-Bibliotheken durften keine Exemplare des Berichts mehr verleihen, und auch die Filmbänder wurden eingezogen und möglicherweise vernichtet. Bis heute ist das vollständige Material nicht gefunden worden – überlebt hat allerdings ein knapp 20-minütiges Fragment, das u. a. auf der Online-Plattform YouTube zu finden ist.
Über Aurora Mardiganians weiteres Leben ist nicht viel bekannt, obwohl sie im Laufe der Zeit einige Interviews gab. Sie starb 1994 im Alter von 93 Jahren. Ihre Nachbar*innen berichteten, dass sie in ihren letzten Lebensjahren dement war und ihre Wohnung nicht mehr verließ – sie lebte offenbar in der ständigen Angst, überfallen und verschleppt zu werden.
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